Johann Gottfried Seumes formulierung von 1804 über die angeblich liederlosen räuber
und bösewichter wurde zum geflügelten wort. aus der fachwelt kam die bestätigung,
dass singen von seinem ursprung her dem sozialen miteinander diene und im normalfall
keinen raum für schlechte gedanken oder absichten lasse. aber stimmt das denn?
antworten fallen schwer, aber fragen müssen angesichts der in europa grassierenden
rechtsentwicklung schon sein: welche rollen spielen volkslieder und musik in rechten,
autoritären bewegungen? droht auch hier eine wiedergeburt des nationalismus?
solchen fragen wollen wir im podiumsgespräch nachgehen, nach antworten suchen,
erfahrungen schildern, thesen aufstellen. die typischen eigenschaften des volkslieds –
entstehung & weiterverarbeitung in der bevölkerung sowie unkomplizierte melodie- &
textführung – machen es besonders anfällig für veränderungen und ausnutzung für
machtinteressen. doch nicht nur rechte nutzen folksongs für ihre zwecke, sondern auch
der demokratische widerstand, zum beispiel von yidishen partisan:innen, der usbürgerrechtsbewegung
oder der anti-akw-umdichtung zum „hejo, leistet widerstand!“
bei unserem festival-schwerpunkts „yidishe musik, kultur & geschichte“ spielen yidishsprachige
volkslieder eine zentrale rolle, da sie in einer meist multi-kulturellen und
multi-religiösen umwelt eine identitäts-prägende rolle spielten. kein wunder, dass
gedichte & lieder, musik & theater gerade im national-betrunkenen 19. jahrhundert für
die ausbildung einer yidishen identität sehr wichtig war. doch da die yidish-sprachige
bevölkerung kein territorium ihr eigen nannten, beackerten sie umso mehr ihre
sprachrepublik, viel durch übersetzungen & nachdichtungen aus anderen sprachen.
der volkslied-charakter des übernehmens & verformens hat für musiker:innen aber
auch negative folgen. so beklagte sich der arbeiterdichter Mordkhe Gebirtig, seine
lieder würden weltweit gesungen, ohne dass er als schöpfer erwähnt, geschweige denn
honoriert würde. glücklicherweise blieb dieses schicksal dem duo Zupgeigenhansel
erspart, das seit 1974 viele alben herausgab und verkaufte. ihre yidishen, arbeiter-,
bauern- und widerstandssongs rehabilitierten viele deutsche volkslieder und befreiten
sie aus den klauen des national(sozial)ismus – ein gutes modell für die gegenwart?
es sprechen miteinander:
Mina Gampel (*1940, geboren in pinsk/belarus) – yidishe muttersprachlerin & autorin,
malerin & dozentin, konnte mit ihrer familie der shoa entkommen. während ihrer „vier
leben“ – so bezeichnet sie es in ihrer autobiographie – lernte sie viele volkslieder
kennen, von denen sie heute noch gerne welche singt. grafiken von ihr präsentiert das
diesjährige 8. yi-fest in der stadtteilbibliothek und gemälde in der matthäuskirche.
Erich Schmeckenbecher (*1953, geboren und aufgewachsen in stuttgart) – vollblutmusiker
& volkslied-sänger, studio-betreiber & komponist, POLK-erfinder & kenner von
folk & volksmusik. als duo Zupfgeigenhansel trugen er & Thomas Friz seit 1974 viel zur
„entnazifizierung“ der volksmusik bei und stießen mit ihren yidishen liedern eine
deutsche klezmer-bewegung an. er plädiert für eine zeitgenössische rolle der romantik.
Barbara Stoll (*1961, aufgewachsen in überlingen) – radio- & tv-sprecherin, schauspielerin
& regisseurin, musikerin & sängerin mit entsprechenden solo- & gruppenprogrammen.
sie brennt für lyrik & gesang und auch für die yidishe sprache & kultur
mit ihren gedichten & liedern, ihrer tiefe & ihrem humor. in ihrem leben spielen volkslieder
und musik nicht erst seit ihrem studium an der HDMK stuttgart eine große rolle.
Cem Özdemir (*1965, geboren & aufgewachsen in bad urach) – kandidat als badenwürttembergischer
ministerpräsident & bald ex-doppel-bundesminister liebt musik aus
all seinen lebenssphären und kennt die politischen fallstricke nationalistischer musik- &
kulturpolitik gut aus der türkei, dem herkunftsland seiner eltern. seit dem offiziellen
beginn im jahre 2017 ist er förderer & schirmherr des yidish-festival-projekts.
Marc Gegenfurtner (*1971, geboren in böblingen) – studium der literaturwissenschaft
& philosophie, betriebsdirektor am wilhelma-theater & dramaturg am schauspielhaus
bochum, lange im münchner kulturreferat tätig & seit 2019 leiter des kulturamts der
landeshauptstadt stuttgart. er ist großer anhänger von diskursfreudigkeit und hat trotz
weiterer termin-verpflichtungen gerne seine teilnahme am podiumsgespräch zugesagt.
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es moderiert:
Albert Kunze (*1959, geboren in stuttgart, jugend in karlsruhe) – studium der völkerkunde
& kulturwissenschaft in tübingen, ausstellungsmacher & autor ist seit dem
knabenchor sänger aus leidenschaft. seit 2006 arbeitet er ehrenamtlich zum yidishen,
für chöre & kulturvereine und gründete 2016f das yidishlider-projekt / yidish-festival,
welches er seither leitet, auch um das singen von volksliedern aus aller welt zu fördern.